Fronleichnam: Was soll denn das?
Fronleichnam ist für nicht wenige ein fragwürdiges Fest geworden.
Was soll denn das? Fragwürdig – würdig, befragt zu werden. Darauf
geht der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler in einer Predigt zum
Fronleichnamsfest ein und gibt bedenkenswerte Antworten:
„Ja, es ist fragwürdig, was wir da tun. Wozu der Aufwand rund um
ein eigenartig bescheidenes Zeichen? Wir halten zu Fronleichnam
ein kleines Stück Brot in die Höhe. Warum eigentlich? Was ist das
schon? Würde man auf der Straße die Passanten nach dem Sinn
des Festes fragen, wären die Antworten wohl eher dürftig. Viel li-
turgischer Prunk, goldene Monstranz, Traditionsvereine rundherum,
aber im Zentrum – was eigentlich? Viele wissen nicht, was es mit
diesem spirituell hoch energetischen Stückchen Brot auf sich hat.
Es ist ein winziges Stück Lebensmittel, das durch die Worte Jesu
„Das ist mein Leib!“ gewandelt wurde. Wir zeigen mit dem kleinen
Himmels-Brot Jesus selbst, der sich allen Menschen zur Nahrung
gibt. Wir halten ein Stück Brot in die Höhe – und danken Gott für
die vielen Lebensmittel und Lebenschancen, die wir haben. Und wir
halten das Vertrauen hoch, dass Gott vorsorgt, dass von ihm nie
mand übersehen wird – und dass niemand innerlich „verhungern“
muss, der ihn aufnimmt oder zu ihm aufschaut. Das ist Fronleich-
nam!
Wir zeigen den Leib dessen, der tödlich verwundet wurde, aber drei
Tage danach mit seinem gewandelten Leib den Jüngern erschien –
und ihnen Frieden und Vergebung brachte. Im kleinen Stück Eu-
charistie ist der Zuspruch Gottes „Du kannst neu beginnen! Komm,
nimm mich auf und du wirst Kraft haben, das Gute zu wählen, nicht
den Hass.“ Fronleichnam ist keine Demonstration von Stärke, son-
dern ein Hochhalten des Lebens in seiner Verletzlichkeit. Gegen alle
Verherrlichung von Gewalt zeigen wir Jesus und seine siegreiche
Liebe. Er ist das Medikament gegen alle Verhärtungen unserer Zeit.
Fronleichnam ist eine Ansage von Leben!
Was wir veranstalten, ist eine Friedens-Demo, die von Jesus ange-
führt wird. Wir tun dies ganz bewusst angesichts der sich auswei-
tenden Kriegsschauplätze und sind besonders im Gebet verbunden
mit den unzähligen Opfern von Terror, Krieg und Zerstörung. Wir
tun dies ohnmächtig und leidenschaftlich zugleich: Wir halten hoch
den „lebendigen Leib“ dessen, der zur Befreiung von der „Sünde
der Welt“ sein Leben geopfert hat. Wir glauben, dass Jesus selbst
unsere Einheit ist. Wir sind heute unterwegs im Wissen, dass wir
zusammengehören. Wir zeigen bei der Jesus-Demo den Leib des-
sen, der bis zum Schluss um die Einheit aller gebetet und gerungen
hat. Damit hat er kein nettes Wohlfühlprogamm gemeint, sondern
ein Dasein füreinander – ein Brot-sein, um sich in aller Vielfalt wahr-
zunehmen, in Geduld auszuhalten und zu stärken. Gegen alle Ver-
suchung der „Ego-Shooter“ weitet das Jesus-Brot unsere Herzen.
Fronleichnam meint eine geistvolle Solidarität!
„Was ist das?“ Unwissend fragend, zutiefst erschüttert und dank-
bar staunend stellen wir diese Frage. Fronleichnam ist Jesus selbst,
höchstpersönlich und leibhaftig unter uns gegenwärtig. Fronleich-
nam ist Gottes Antwort, der sich unscheinbar, aber nachhaltig unter
uns ausbreitet – heilsam, tröstend, stärkend, herausfordernd in un-
serer verwundeten Welt.
Lassen wir uns auf dieses Fest ein. Lassen wir uns bewegen und
gehen bei der Prozession mit. Lassen wir uns durch die bewegen
de Gemeinschaft mit Jesus und miteinander stärken, segnen und
senden….
Heribert Kaufmann