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Grußwort

Als junger Kaplan traf er einmal bei einem Spaziergang auf ein weinendes Kind. Es war hungrig und hatte gerade bei einem reichen Bauern um Brot gebettelt, war aber schnöde abgewiesen worden. Als der Kaplan das hörte, ging er schnurstracks zu dem betreffenden Bauernhaus. Dort hieß man den adeligen, geistlichen Herrn herzlich willkommen, bat ihn Platz zu nehmen und bot ihm Essen und Trinken an. Er aber lehnte dankend ab und bat nur um ein Butterbrot, das man ihm etwas irritiert gab. Er bedankte sich und sagte dann mit tiefem Ernst: „Ihr habt mich geehrt, weil ich Kaplan bin; das Butterbrot ist aber für ein armes Kind, für einen Gast, der höher steht als ich; denn „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder tut“, sagt Jesus, „das habt ihr mir selbst getan.“

Die Rede ist von Wilhelm Emmanuel von Ketteler, der von 1850 bis zu seinem Tod 1877 Bischof von Mainz war. Am 1. Weihnachtstag 1811 wurde er geboren. Vielleicht hatte er deshalb eine solche Nähe zu Kindern. Als Kaplan sorgte er dafür, dass die Kinder der reichen Bauern auch Pausenbrote für ihre armen Mitschüler mitbrachten. Als Bischof war einer seiner Schwerpunkte der Ausbau des Schulwesens. Ketteler wurde zum großen Sozialbischof, zum Vorreiter der katholischen Soziallehre und Impulsgeber für die deutsche Sozialgesetzgebung. Von ihm stammt das Wort, das bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat: „Wollen wir die Zeit erkennen, so müssen wir die soziale Frage zu ergründen suchen. Wer sie begreift, erkennt die Gegenwart, wer sie nicht begreift, dem ist die Gegenwart und Zukunft ein Rätsel.“

Auf unserer neuen Grundschule steht in großen Lettern sein Name. Eine Straße hier in Kleinostheim trägt seinen Namen. Darin wird sichtbar, dass Kleinostheim bis ins 19. Jahrhundert hinein zum Bistum Mainz gehörte. Passend zu seinem 200. Geburtstag hat unsere Schule dem großen Sozialreformer durch die Künstlerin Maria Fernandez unter Mithilfe von Schülerinnen und Schülern ein aussagekräftiges Denkmal gesetzt, das uns daran erinnert, immer wieder mal nachzudenken über soziale Fragen hier und heute. Es ist schön, dass unsere Grundschule sich in einer Projektwoche mit ihrem Namensgeber befasst, in der wir am Mittwoch, 26. Oktober um 20 Uhr zu einem Vortrag über Ketteler in die Aula eingeladen sind, wo wir das moderne Bild des Bischofs in Verbindung mit unserer Gemeinde genauer in Augenschein nehmen können.

Nach der Bedeutung Kettelers für heute befragt, antwortet sein Nachfolger Kardinal Lehmann: „Ketteler war zeitlebens ein Seelsorger und hatte eine Witterungsfähigkeit für soziale Not und ihre Herausforderungen. Er war nie einfach ein distanzierter Beobachter, sondern ließ sich von der Not anrühren. Auch wir brauchen immer wieder diese eindrucksvolle Sensibilität und rasche Entschlusskraft. Wir müssen wirklich die Verhältnisse aus der Nähe kennen. Unsere Wahrnehmungsfähigkeit muss noch viel größer werden. Denn die Not hat viele Gesichter, die nicht selten versteckt, verborgen und unsichtbar ist, besonders wenn es um tiefe Verletzungen und um Isolierung von Menschen geht.“

Ketteler ist nicht von gestern und veraltet. Er ist höchst aktuell. Sein Name ist Programm – auch für unsere Grundschule, die seinen Namen trägt und ihm hoffentlich alle Ehre macht.

Heribert Kaufmann

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